Birgit & Kerstin Thalau
Parabolic Drippings

 
KloHäuschen
 
RESIDENCY - ARBEIT VOR ORT
16. - 20 Februar 2026
 
INSTALLATION
21. Februar - 08. März 2026 . jederzeit von Außen sichtbar
 
GEÖFFNET zur MUNICH JEWELLERY WEEK
Do. 05. - Sa. 07. März 2026 . je 18-19 Uhr
So. 08. März . 13-14 Uhr
 
FINALE
Sa. 07. März 2026 . ab 18 Uhr
 
 
 
  Parabolic Drippings
 
Der Körper trägt Schmuck. Die Beziehung zwischen Objekt und Tragen ist besonders und beschäftigt mich seit 1996. Sie begleitet mich bis heute in meiner Tätigkeit und bleibt - wie für viele Schmuckschaffende - ein lebendiger Teil unseres Kunstbereichs.
 
Mein eigener Körper ist nie ganz ruhig. Gedanken fließen, besonders nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Flüssigkeiten bewegen sich ständig - im Mund, in Nase und Augen, bei Kälte. Wir nehmen sie auf und geben sie wieder ab: durch Atmung, Stoffwechsel und Ausscheidung. Ein komplexes System, das nur funktioniert, weil alles in Bewegung bleibt. All das tragen wir in uns - und in die Welt.
 
Dieses innere Leben spiegelt sich für mich in einem merkwürdig vertrauten Raum: der Toilette. Bei meinem ersten Besuch im KloHäuschen habe ich es sofort wahrgenommen. Nicht das Sichtbare interessiert mich zuerst, sondern das Dahinter: verborgene Rohre, Konstruktionen hinter dem Putz, im Zwischenraum der Wände. Dort begann der Wunsch, mit diesem Material zu arbeiten.
 
Die Leitungen transportieren Wasser und Ausscheidungen durch Beton und Mauern. Ich habe mir vorgestellt, was geschieht, wenn sie aus den Wänden treten und in den Raum greifen. Ich will den Kreislauf öffnen, verlängern, selbst darin auftauchen.
Aufbauen, abbauen, ersetzen
 
Kupfer wird weich und biegsam, lässt sich formen und reagiert auf Druck. Seine Farbe erinnert an Haut - von rosig bis dunkel, manchmal bräunlich. Mal warm. Mal wie stillgelegt, kalt. Ich arbeite mit dem ganzen Körper. Das Material spüre ich nicht nur mit Werkzeugen, sondern auch mit Bauch und Beinen. Ich drücke die Rohre gegen mich, bis sie nachgeben, sich verdrehen oder Dellen bekommen. Nach dreißig Jahren körperlicher Arbeit haben sich mein Äußeres und mein Inneres verändert. Diese Veränderungen fließen mit ein.
 
Industriell gefertigte Zuleitungen wirken dagegen streng, richtungsgebunden und funktional. Meine geformten Figuren weichen ab. Sie sind kurvig, eigensinnig, manchmal störrisch - aber lebendig. An den Verbindungen quillt geschmolzenes Metall hervor und bleibt sichtbar. Öffnungen werden zu umgekehrten Überläufen.
 
Die Installation ist vom ursprünglichen Ort - einem Klohäuschen - inspiriert und löst sich zugleich von seiner Bestimmung. Mal bin ich Installateurin, mal Akrobatin. Ich steige die Leiter hinauf und wieder hinunter, stelle sie um. Der enge Raum fordert mich heraus. So arbeiten auch Handwerker*innen "in situ" - mit dem, was vorhanden ist. Ich prüfe, wie sich Leitungen und Objekte befestigen lassen, löte Verbindungen zusammen. Vorhandene Öffnungen nutze ich, um die Mauern nicht weiter zu beschädigen. Ich arbeite behutsam. Ich verrenke mich, messe mit meinem Körper, halte dagegen. Immer wieder mischt sich meine eigene Silhouette mit den bereits montierten Gestalten aus Metall.
 
Das Flüssige ist mein unsichtbares Material. Kein Wasser im Raum, und doch ist alles in Bewegung. Innere Zustände treten nach außen. Ich versuche, Kreisläufe zu begreifen - nicht in ihrer Funktion, sondern als Erfahrung. Warum sind sie verbunden? Was trägt? Wo bricht etwas?
 
Die neuen Anschlüsse liegen im Raum wie Fragmente. Fast wie nach außen gestülpte Eingeweide. In der sehr persönlichen Soundarbeit von Kerstin Thalau beginnen Spülungen und Heizungen zu blubbern, zu glucksen und zu murmeln. Kupferrohre und Raum werden zum Resonanzkörper.
 
Birgit Thalau
 
 
Parabolic Drippings - Sound
 
REIN oberflächlich betrachtet schiebe ich, quasi tagtäglich und per Mausklick, Audioschnipsel durch virtuelle, grafisch tunnel- oder rohrähnliche, Kanäle. Soundtüftlerin gleich "technicienne de surface" (französisch politisch korrekt für Putzkraft, wortwörtlich "Oberflächentechnikerin")? Diese Überlegungen dripdropten durch meine grauen Zellen, als ich auf der untersten Stufe des Treppenhauses eines, eher bescheidenen, Bürogebäudes im Luxemburger Businessviertel Kirchberg sass, und meine Tätigkeit erschien mir plötzlich absurd. Mir kam Albert Camus Sysiphus-Mythos in den Sinn, glücklicherweise auch Wim Wenders japanischer Klohäuschen-Reiniger aus "perfect days", der seinem Job als ritueller und zufriedenstellender Performance nachging.
 
Ein Türknall liess mich nach oben blicken: ich sah eine merkwürdig absurde, ansteigende, Treppenhausarchitektur von unten, eine Art MC-Escher-Korridorparabole, und hörte wie Menschen ihre merkwürdig absurden Sounds im Flur entsorgten, um danach entlastet in die eher ruhigen Büroräume zurück zu kehren. Mir schien, dass es da einige Parallelen zum Unterbau des Münchner Klohäuschens geben könnte, beschloss, den Gang-Klang aufzunehmen, ihn als Soundteppich für die "parabolic drippings"-Installation zu verwenden, in den ich missachtete Klangdrops aus meinem persönlichen Soundarchiv plus neue, frisch gepresste (also extrem komprimierte), Fieldrecordings verweben würde.
 
Einfach gesagt, jedoch nicht einfach getan: klangtechnisch war dieser Flur ziemlich weit entfernt von einem stillen Örtchen; ich musste regelrecht, mit dichtem Audiomaterial, gegen ihn ankämpfen. Schnell kamen Zweifel auf: die Arbeiten meiner Schwester mögen raue, grobe, ungeschliffene Züge aufweisen, dennoch zeugen sie von Eleganz und Ästhetik. Ich schliff, werkelte, kämpfte weiter, aber da war nichts zu machen: ein Hauch von Farbtubenquetscher blieb. Also stellte ich noch 3 weitere, ungefilterte, Soundclips für Birgits Trichter, zusammen, die notfalls vor Ort zum Einsatz kommen sollten.
 
Oh Wunder: in München stellte ich fest, dass das Grossmarkt-KloHäuschen nu wirklich auch kein stilles Örtchen ist, und dass eine Soundinstallation für den dortigen Innen- und Aussenbereich in starker Konkurrenz zu allerlei Lärm steht. Hatte das KloHäuschen bei meinen Recherchen und Experimenten sozusagen schon seine Finger im Spiel?? Letzendlich werden nun alle parabolic-drippings-Sounds zu hören sein: eine in seinem Aussen- und Eingangsbereich, die anderen drei , im Innenbereich des Raumes/ der Trichter, entfalten sich im Ohr am besten in Plumpsklohaltung!
 
Kerstin Thalau
 
 
Munich Jewellery Week
 
Während der letzten Woche wird die Installation im Rahmen der "Munich Jewellery Week 2026" (04- 08.03.26) sichtbar sein.
Gleichzeitig werden Schmuckstücke, die im Dialog mit der Rauminstallation stehen bei Galerie Beyond, Galeriestraße 6A, Hofgarten gezeigt.
 
 
Birgit und Kerstin Thalau
 
Birgit und Kerstin Thalau arbeiten und leben in Luxemburg und dies ist ihre vierte Zusammenarbeit. Kerstin ist als Kulturjournalistin tätig, hat Kulturanthropologie studiert und zusätzlich eine musikalische Ausbildung. Außerberuflich entwirft sie seit gut 25 Jahren Klangstücke und -installationen. Birgit ist bildende Künstlerin mit dem Schwerpunkt zeitgenössischer Schmuck. Sie erforscht, wie sich ihre Themen vom Körper aus in andere künstlerischeMedien weiterentwickeln.
 
 
Der Aufenthalt und die Arbeiten an der Installation im KloHäuschen von Birgit Thalau in München wurde unterstützt durch Kultur | lx - Arts Council Luxembourg und von La Fondation Indépendance by BIL, Luxemburg.
 
KloHäuschen
 
 
 
 

Parabolic Drippings
 
Preparation>
The constant change and complexity of our time keep making me feel insecure and unsettled. I explore how we deal with disruptions and related emotions, how impermanence and continuous flow -within us and around us- can also be used as sources of support.
 
My work with the KloHäuschen is inspired by its original use. From there, I want to see the space shift away from a purely functional setting. I imagine the sanitary waterpipes growing out of the concrete and winding their way into the former urinal.
 
Copper can be softened and bent. I am particularly drawn to its range of colours, which vary between skin-like tones and darker rosy to brownish hues, depending on treatment and condition.
 
After thirty years of craft-based work, my body has changed. I shape the tubes using pliers and sometimes my own body, pressing them against my belly or legs until they respond. These twists and traces carry marks of vulnerability as well as gestures of care and attentiveness.
 
Through this practical experience with materials from domestic and sanitary contexts, I would like to deepen existing connections and allow new ones to emerge.
 
During my working residency in the KloHäuschen, an organic structure will be created within the former toilet room and then assembled. In the process, molten metals drip and seep out of the joints and openings. These overflows and leaks will finally solidify and stay.
 
I understand the newly installed construction and objects as figurative fragments, almost like inner organs turned outward. Together with sound by Kerstin Thalau, they expand household flushing or heating systems into wider circuits for collecting wastewater: resonating bodies.
 
Fluid, for me, becomes a shared symbolic element through which our inner states and exterior surroundings continuously pass.
 
Birgit Thalau
 
 
The residency in Munich and work with the KloHäuschen of Birgit Thalau is supported by Kultur | lx - Arts Council Luxembourg and La Fondation Indépendance by BIL, Luxembourg (materials and technical equipment).
 
KloHäuschen
 
 

 
 
 
  Maßnahmen zur Beseelung des Klohäuschens an der Großmarkthalle
Ein Projekt des realitaetsbüros, gefördert vom Kulturreferat der LH München.
 
 
   
 
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