Alter Meister
 
"Ohne Menschen haben wir nicht die geringste Überlebenschance, sagte Reger, wir können uns noch so viele Große Geister und noch so viele Alte Meister als Gefährten genommen haben, sie ersetzen keinen Menschen …"
Thomas Bernhard Alte Meister
 
Das KloHäuschen ist für mich ein Ort für unerwartete Begegnungen. Und so unerwartet begegnet man in der Zeit vom 1.- 4. Juli 2021 meinem Lieblingsbild aus der Alten Pinakothek Madonna mit weiblichen Heiligen von Adriaen Isenbrant am Großmarkt in München, wo täglich viele verschiedene Menschen zusammenkommen. Das KloHäuschen verwandelt sich für 4 Tage in einen, der Alten Pinakothek nachempfundenen Ausstellungssaal. Eine dunkelrote Stoffbahn verhängt die Glasbausteinwand und macht es zum musealen Raum.
 
Sechs weibliche Heilige, Märtyrerinnen des frühen Christentums, umringen die Madonna mit dem Kind. Die Frauen befinden sich in einem hortus conclusus (abgeschlossener Garten, Sinnbild für Jungfräulichkeit) in mitten einer Landschaft. Nur weit im Hintergrund ist ein Mensch zu sehen. Bis auf eine der Frauen (wer könnte sie sein?) sind alle Heiligen durch ihre Attribute identifizierbar. Ihre Biografien sind geprägt vom Widerstand gegen (männliche) Obrigkeit und dem absoluten Willen, ihre Überzeugung zu leben.
 
In der Wahl des Titels beziehe ich mich auf Thomas Bernhards Roman Alte Meister, in dem sich Reger, ein alternder Musikkritiker, fast täglich auf der Bordone-Bank im Bordone-Saal des Kunsthistorischen Museums in Wien niederlässt um nachzudenken und sich mit Irrsiegler, dem Aufseher des Museums zu unterhalten. Reger unterzieht jedes Kunstprodukt einem unnachgiebigen "Zerlegungs- und Zersetzungsmechanismus" um gravierende Fehler zu entdecken. Der Tod seiner Frau lässt ihn erkennen, dass die ganze Kunst nichts ist gegen den "einzig geliebten Menschen".
Der Kreis zum KloHäuschen schließt sich nun in Regers Auslassungen über den Zustand der "Wiener Aborte", die, ganz im Gegensatz zum KloHäuschen, als "verwahrlost, skandalös und ohne Toilettenkultur" beschrieben werden. (S. 162 Thomas Bernhard Alte Meister, Suhrkamp)
Das KloHäuschen aber lädt zum Verweilen ein. Die Kunst soll hier zum gesellschaftsbildenden Element werden und Menschen zusammenbringen.
 
Vier Tage lang wird das Bild der Alten Pinakothek Bestandteil des öffentlichen Raums rund um den Münchner Großmarkt sein.
Während der Öffnungszeiten, täglich von 11 - 13h und 17 - 19h, werde ich mich als Aufsicht vor Ort befinden und allen Besucher*innen als Gesprächspartnerin zur Verfügung stehen, Fragen beantworten, Hintergrundinformationen zu den heiligen Frauen geben und einfach so da sein zum Plaudern, Diskutieren oder Schweigen.
Außerhalb der Öffnungszeiten ist die Installation durch die Glastür 24 h einsehbar.
 
Die Ausstellung findet unter Einhaltung aller Hygienemaßnahmen statt.
 
Andrea Golla
Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München
Lebt und arbeitet seit 2009 in Berlin. Ist Mitglied im Künstlerinnennetzwerk Frauenmuseum Berlin.
Interveniert im öffentlichen Raum mit Blattgold und knüpft Teppiche aus Abfallmaterialien.
 
"Alter Meister" wird gefördert von der Steiner Stiftung und der Sparkasse. Andrea Golla ist Gast im Streitfeld Gästezimmer, gefördert von der LH München.
 
Das KloHäuschen
 

 

 
 
 
  Maßnahmen zur Beseelung des Klohäuschens an der Großmarkthalle
Ein Projekt des realitaetsbüros, gefördert vom Kulturreferat der LH München.
 
 
   
 
  Impressum |  Datenschutz