KHBi2 - Zur Biennale
 
Was zeichnet eine Biennale aus? Zuerst einmal wie ihr Name schon sagt vor allem ihr konsequenter Rhythmus: eine Biennale ist eine Austellung, die alle zwei Jahre stattfindet. Nicht mehr, nicht weniger. Hinzu kommt meist - nachdem großen Vorbild der Mutter aller Biennalen, der Venedig-Biennale - eine Ausrichtung auf internationale Kunst und Künstler und ein ebensolches Publikum, also ein groß angelegtes Event bis hin zur Massenveranstaltung.
 
Ok, ok, das KloHäuschen hat immer große Rosinen im Kopf, aber ein bißchen bescheidener ist es dann doch, als es im Jahr 2012 seine erste eigene Biennale eröffnet und damit postuliert, im Prinzip auch "sowas wie Venedig oder Istanbul" zu sein. Es ist ein bißchen kleiner als seine großen Helden, und so sind auch die "Massen" noch halbwegs überschaubar. Kuratorin und Künstler jedoch sind "die besten, die es kriegen kann", also wirklich spitze, und auch die Zeit, die ist für alle gleich. Und so steht 2014 natürlich konsequenterweise die für eine echte "Biennale" wirklich entscheidende 2. KloHäuschen Biennale an.
 
Ganz begeistert ist das KloHäuschen, als Matthias von Tesmar, ehemaliger Kurator des Videoarchivs Spiegel / lothringer 13 und aktueller Leiter des Bereichs Bildende Kunst für den Signalraum München, als Kurator für diese 2. KloHäuschen Biennale zusagt. Es kann losgehn!
 
Matthias von Tesmar entwirft ein Ausstellungskonzept, das sich nah am Ort des KloHäuschens und gleichzeitig am Puls der Zeit mit dem Thema von "Neugier und Überwachung" beschäftigt. Da fällt dem KloHäuschen ein, daß das ein wirklich wichtiges Thema ist. Denn wäre nicht die Überwachung des Herrenpissoirs so schwierig gewesen - wahrscheinlich wäre es gar nie zugesperrt worden. Und hätte nie das KloHäuschen werden können, über das das Stadtmagazin curt schreibt, daß es "der schönste, sympathischste, souveränste Abort Münchens" ist (Bob Pfaffenzeller, curt #77, Frühjahr 2014). Da können sich Venedig und Istanbul mal ganzschön warm anziehn!
 
In diesem Sinne übergeben wir das Wort an unseren Kurator:
 

 
KHBi2 – TRANSFER
Bildinteresse zwischen Videoscreen und Datenklau
 
Längst haben sich internationale Kunst-Biennalen vom bloß Repräsentativen abgekoppelt und versuchen, jenseits des allgemein Merkantilen, im besten emanzipatorischen Sinne ideologisch zu sein. Und doch sind sie der globalen Logistik des Kunstbetriebs ausgeliefert, da sie den Convenience-Erwartungen des andernfalls ausbleibenden Publikums entsprechen und im lokalen Maßstab Kosten-Nutzen-Erwartungen genügen müssen.
 
Die KloHäuschen Biennale unterläuft den Begriff der repräsentativen Weltkunstschau per se, um ihn – vielleicht – letztlich doch einzulösen.
 
So wie das KloHäuschen kein Ausstellungsort ist, so ist die KloHäuschen Biennale keine Schau der Welt-Kunst, sondern die Befragung einer solchen. Auf einer Karlsruher Biennale-Konferenz wurde unlängst eingefordert, dass Biennalen sich künftighin dem Mainstream zu verweigern hätten, wenn Sie weiter "Motoren der Demokratisierung und der Zivilgesellschaft" bleiben wollten, sie müssten ein Moment der "Unberechenbarkeit" erhalten. Genau dies tut die KloHäuschen Biennale. Der Ort ist ebenso unberechenbar, wie die Internationalität der Maßnahmen zu seiner Beseelung.
 
Das Repräsentative wird durch die ökonomische Beschränkung kassiert. Anders als bekannte Konkurrenten, ist die KloHäuschen Biennale keinen ökonomischen oder politischen Erwartungen seiner Geldgeber ausgesetzt. Alle Beteiligten handeln auf eigene Kosten. So ist die Situation für die eingeladenen KünstlerInnen die einer Anti-Biennale.
 
Das Bild ist immer mehr. Es geht über das Dargestellte hinaus, lenkt das Interesse. Doch warum überhaupt Interesse? Unterscheiden sich Bildlust und Wissbegier? Gründen Voyeurismus und Überwachung auf den gleichen Impulsen?
 
In Zeiten weltumspannender Datennetze kommt dem Begriff des Exponats, des Ausstellungsstücks, eine neue, allgemeinere Bedeutung zu.
 
Bereits das Videotape der 1970er Jahre brachte, aufgrund seiner im Verhältnis zu Vorgängermaterialien leichteren Handhabung, neue Bildinhalte, sei es im kooperativ-politischen Bereich, im häufig privaten Blick der Videokunst oder als Überwachungsmedium für Bereiche des öffentlichen Raumes.
 
Die sich in den 90ern durchsetzende Digitalisierung von Medien hat im Laufe von zwanzig Jahren zur Hochverfügbarkeit aller denkbaren Inhalte geführt und diese aus akademischen Umgebungen in marktkonforme überführt.
 
Marktökonomie jenseits der Krise erscheint attraktiv, ihre Produkte begehrenswert. Ökonomisch unterlegene Haltungen fordern Teilhabe oder lehnen dieses Gesellschaftsmodell konsequent und aggressiv ab. Beides erzeugt Neugier.
 
Heute gilt diese Neugier dem digitalen Bit, das sich zur Repräsentation eines Abbilds, zum Einkaufs-Klick oder zur subversiven Handlungsanleitung verschwistern kann. Jede Tastatureingabe, jeder Speech-to-text-Akt gerät zum verfügbaren Exponat.
 
Klohäuschen waren stets sowohl Orte exkrementeller Diskretion als auch sexueller Praxis, die es zu überwachen galt. Diskret und öffentlich, geheim und bekannt. Gleich ausgeschiedenem Urin, geben digital kommunizierte Inhalte Auskunft über Gewohnheiten ihrer ProduzentInnen. So wird das KloHäuschen an der Großmarkthalle zur repräsentativen Forschungsstation, in der offengelegte Bilder und Informationen diskutiert werden.
 
Die von den Biennale-TeilnehmerInnen eingereichten Artefakte werden untereinander imaginär vernetzt, verkabelt, verbunden sein. Die Datenleitung zum Nachbarobjekt kann essenziell oder leer sein – sie ist definitiv modern. Es wird Objekte und Handlungen geben, die sich der Verbindung verweigern, es wird solche geben, deren kommunikative Wünsche erfüllt werden. Ein Teil der Arbeiten soll sich unmittelbar auf Überwachungsmethoden beziehen. Wichtig ist aber auch rudimentäres Bildinteresse: Was möchte ich als Künstlerin, als Künstler gesehen haben, was wissen dürfen, um produzieren zu können? Oder umgekehrt: Ohne welche Information bin ich leer und unkreativ? Es kann autobiografische Handlungen und Objekte geben, es kann philosophisch-wissenschaftliche Fragestellungen geben und Statements radikaler Kommunikationsverweigerung.
 
Machen wir uns nichts vor: Alle wollen alles wissen können. Ein Geheimnis ist prickelnd, weil es gewusst werden kann.
 
Blick und Einblick, reale und fiktive Überwachungs-Bilder, preisgegebene Bits, verschlüsselte Botschaften: Unser DORF soll schöner werden!
 
Matthias v.Tesmar