#58 - Birthe Blauth : Hamlet's Mill
 
Die Video- und Konzeptkünstlerin Birthe Blauth hat mit Hamlet’s Mill ein Bild für eine spätneolithische, etwa 5 – 6.000 Jahre alte Beschreibung des Kosmos entwickelt.
 
Das KloHäuschen  
Der archaische Kosmos
 
Unsere Vorfahren kannten die Präzession, die Bahnen der Planeten und vieles mehr. Diese Kenntnisse basierten auf jahrtausendelanger Himmelsbeobachtung und erforderten eine Methode, dieses Wissen an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Die Schrift entstand damals erst allmählich. Giorgio de Santillana und Hertha von Dechend haben viele Belege dafür zusammengetragen, dass wahrscheinlich Mythen die Wissenschaftssprache der damaligen Astronomen waren ("Die Mühle des Hamlet. Ein Essay über Mythos und das Gerüst der Zeit"). Die Vorgänge am Himmel wurden in bildgewaltigen, symbolhaften Geschichten erzählt.
 
Das KloHäuschen  
Der archaische Kosmos wurde als zeitmahlende Mühle definiert. Diese Mühle glich einem Drill und wurde in alternierender Bewegung gehalten. Ursprünglich gehörte sie dem Herrscher des Goldenen Zeitalters, dem Hamlet, auch Kai Chosrau oder Amlodhi genannt. Der nördliche Polarstern ist das ruhende Zentrum des Himmels und Sitz des Herrschers des Kosmos. Um ihn kreist alles, von ihm geht alle Bewegung aus. Er ist der Nabel der Welt, der Zapfen im Wasserstrudel, der die Überflutung der Welt verhindert, der Befestigungspunkt für die vier Säulen der Welt an den Tag- und Nachtgleichen und den Solstizien. Immer wenn sich nach rund 2150 Jahren durch die Präzession die Punkte der Tag- und Nachtgleichen und der Solstizien in das nächste Tierkreiszeichen verschieben, wird der Zapfen herausgerissen, das Gerüst fällt zusammen, die bisherige Welt versinkt im Wasser und ein neues Zeitalter beginnt.
 
Das Video "Hamlet’s Mill"
 
Im Video ist die Erde ein Stück Wiese, auf dem Schafe friedlich ruhen und grasen. Die kosmische Maschinerie um sie herum nehmen sie gar nicht wahr. Die kosmische Mühle dreht sich mal in die eine, mal in die andere Richtung. Bei jedem Richtungswechsel geht die Erde kaum merklich ein kleines Stück mit. Wasser strömt überall, das Gebälk des Kosmos ächzt, jedoch es hält noch. Der Himmel ist Himmel mit Wolken, silbrige Maschine, Himmelsmeer und Himmelstuch. Im symbolhaften archaischen Denken kann etwas sowohl X als auch Y als auch Z sein. Etwas kann an verschiedenen Orten oder Welten zugleich sein oder geschehen. Diese Denkweise ist uns heute fremd, gleichzeitig ist sie durch die Phänomene der Quantenphysik ganz aktuell.
 
Das KloHäuschen  
Makrokosmos und Mikrokosmos
 
Im mythischen Denken ist es normal, dass der Makrokosmos im Mikrokosmos repräsentiert ist. Das Zentrum des Himmels entspricht häufig der Spitze eines heiligen Berges. Die Diener des Herrschers sind die zirkumpolaren Sterne. Hierhin reisen die Seelen der Toten. Der Weg dahin führt zu bestimmten Zeiten über die Milchstraße. Es gibt aber auch Wege durch ein Haus in einer abgelegenen Gegend, das eigentlich ein Grab ist und durch das dem Kundigen oder dem Verirrten die Reise möglich ist.
 
Die Installation "Hamlet’s Mill" im KloHäuschen
 
"Hamlet’s Mill" wird im KloHäuschen in 24 Stunden an 24 Tagen inszeniert. In der Installation von Birthe Blauth wird das KloHäuschen mit seinen zahlreichen unterirdischen Kanalverbindungen zum Weltzentrum, zur mikrokosmischen Entsprechung zum Himmelspol. Dort befindet sich das Wissen über den Aufbau der Welt – in Form des Videos, das im KloHäuschen läuft. Diese jenseitige Welt ist nur zu bestimmten Stunden zugänglich, an 24 Tagen für jeweils 1 Stunde und eine Minute, beginnend um Mitternacht, jeden Tag um eine Stunde weiter verschoben, präzise verrückt weiterschreitend wie die kosmische Uhr.
 
Das KloHäuschen  
Alles im und um das KloHäuschen kann eindeutig sein oder mehrdeutig für etwas anderes stehen. So steht auf dem Vorplatz ein ganz normaler Fahrradanhänger, dessen Kontur wie das zirkumpolare Sternbild Großer Wagen aussieht. Am Haus blühen Blumen in den Blumenkästen, keine Geranien, sondern roter Klatschmohn, die Blume der Sommersonnenwende, des Teufels, gefallener Soldaten. Auf einem metallenen Aushängerschild am KloHäuschen steht "Hamlet’s Mill", als sei hier ein Gasthaus – oder eine Umsteigestation für Reisende in eine andere Welt. Die Schrift auf dem Schild ist die alte DIN 1451, die lange Zeit Norm für alles war, was mit Verkehr zu tun hatte. Am Schild hängt ein Fuchsschwanz, ganz in der Tradition unter dem Text der Schilder noch ein Bildzeichen anzubringen. Auf der anderen Seite ist der Bote des Himmelsherrschers ein Canide, oft ein Fuchs mit brennendem Schweif.
 
Birthe Blauth
 
Thema von Birthe Blauth ist das Spannungsfeld zwischen Realität und unserer Konstruktion der Realität, unsere Vergänglichkeit und die Fiktionen, die wir schaffen, um sie zu ertragen. Ihre Bilder sind nie dokumentarisch, immer symbolhaft. Sie sind bis ins Detail geplant und konstruiert. Diese Bilder werden oft zu meditativen Videosequenzen kombiniert. In den neueren Arbeiten sind die Videos Teil von Installationen, die die Grenze zwischen Kunst und Alltag verwischen und den Zuschauer aktiv integrieren.
 
Die Künstlerin studierte in München Sinologie, Ethnologie und Kunstgeschichte. Sie stellt international aus und hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten. Seit 2010 arbeitet sie immer wieder in New York, hatte dort eine mehrmonatige Residency am ISCP und eine Soloshow in der 532 Gallery in Chelsea. In München war sie dieses Jahr mit ihrer Multimedia-Installation "Driftwood" auf der Unpainted media art fair in der Sonderschau lab 3.0 zu sehen.
 
Weitere Arbeiten von Birthe Blauth unter www.bblauth.de
 
Hamlet’s Mill
 
is the tree of the world is the navel of the seas is the northern pole of the skies
is the axis of the world is the centre of the cosmos is the source of time
is the KloHäuschen is turning back and forth being danced around
 
Das KloHäuschen  
Hamlet’s Mill, the latest work by video and concept artist Birthe Blauth, will be on show from 29 May onwards, starting at 0:00 hrs in the Klohäuschen an der Großmarkthalle. The Klohäuschen, a former public urinal, has a interior space of 8m2 and is located at the western entrance to the wholesale market in Munich. Although still complete with all of its interior fittings, it has not been used for its original purpose for many years. Five years ago it was rediscovered by Anja Uhlig, who took steps to reanimate it.
 
Birthe Blauth’s installation transforms the KloHäuschen and its innumerable underground sewer connections into the centre of the world, a microcosmic equivalent of the celestial pole. The artist draws on late-Neolithic descriptions of the cosmos dating back 5,000-6,000 years. Although they had a profound knowledge of astronomy, our ancestors before the advent of writing had to rely instead on the power of imagery. They defined the archaic cosmos as a mill whose stone grinds time, turning first in one direction, then in the other, like a hand drill making fire.
 
Das KloHäuschen  
In mythological thinking, presenting the macrocosm in microcosm is normal. The North Pole Star represents the stationary centre of the skies and the seat of the ruler. It is the middle-point around which all else revolves, the eye that is the centre of all movement. Its corresponding point on the Earth forms the gateway to another world.
 
In its role as the navel of the cosmos, the KloHäuschen unites every aspect of knowledge about the structure of the world through the video that is on show there. This shows the Earth as a piece of meadow on which sheep peacefully graze, unaware of the cosmic machinery operating around them. The cosmic mill turns first in one direction, then in the other, alternating with the passage of time. With each change of direction, the Earth follows very slightly, almost imperceptibly. Water flows freely. The rafters of the cosmos creak under the strain but do not yet break. The sky is a cloudy sky, a silvery machine, a sea of sky, a sky of cloth. To the ancient mind, which thinks in symbols, a single object can represent all manner of things that happen in different worlds and places at the same time. But this way of thinking is unfamiliar to our modern-day world, even though its reference to the phenomena of quantum physics is highly contemporary.
 
Das KloHäuschen  
The other world is accessible at certain times only, on 24 different days for one hour and one minute precisely, starting at midnight on the first day and becoming later and later as the days go on, at precisely shifting points in time, pushing forward like the cosmic clock. Every object inside and around the KloHäuschen is both object and symbol. Out on the forecourt, for instance, stands an ordinary bike trailer; its contours resemble the cart shape of the circumpolar constellation of Charles’s Wain (“wagon”). The window-boxes are full of flowers; but rather than blooming with geraniums they are red with poppies, the flowers of the summer solstice, the devil, of fallen soldiers. On a metal sign hanging from the Klohäuschen the words "Hamlet’s Mill" suggest the name of an inn – but being written in old DIN 1451 typeface, which was long the norm for traffic-signs across Germany, they also hint at a transit point to another world. And in keeping with the tradition of adding an image to a sign, a foxtail hangs below, symbolising the other-worldly messenger of the ruler of the skies, often represented as a canid, often a fox with a burning tail.
 
Birthe Blauth’s work concentrates on the field of tension between reality and our construction of it, and our mortality and the fictions we create to help ourselves come to terms with it. Rather than being documentary in nature, her images are always symbolic; planned and constructed right down to the tiniest detail. She often combines them to create video sequences. In her more recent works, the videos components in her installations blur the borders between art and life and actively integrate the observer.
 
Find out more at: www.bblauth.de

 
Das KloHäuschen